Streicht Mercedes seine X-Klasse?

Das Geschrei in den Medien um das Thema ob Mercedes seine junge X-Klasse nun komplett einstellt ist groß – doch was ist wirklich dran an den Gerüchten?

Mercedes X-Klasse vor dem AUS

Der globale Pickup-Markt

Während hierzulande das Pickup-Segment eher ein Nischenprodukt darstellt, boomt die Sparte weltweit gesehen. Tatsächlich findet der Lastenesel, der heute vermehrt als Lifestyle Fahrzeug vermarktet wird, immer mehr Anhänger.
Besonders populär ist die Gattung in den USA, Südamerika und Südostasien sowie in Thailand – wo sie richtig Schotter in die Kasse spülen. Doch scheinbar gilt das wohl nicht für alle Hersteller.

 

Die Mercedes X-Klasse mit schwachen Absatzzahlen

Um ein Stück von diesem überaus lukrativen Kuchen abzubekommen, entschied sich Mercedes in diesem Segment mitzumischen und brachte seine X-Klasse im November 2017 auf den Markt.
Doch der Premium Pickup läuft nicht wie gewünscht. So konnte der Hersteller letztes Jahr insgesamt lediglich rund 17.000 Fahrzeuge an den Mann bringen. Eine – zugegeben – beschämende Stückzahl, im Vergleich zu anderen Herstellern wie z.B. Toyota. Dieser konnte 2018 allein in Thailand fast zehnmal so viele Fahrzeuge seines überaus beliebten Hilux-Modells verkaufen und weltweit bringt er es sogar auf über eine halbe Millionen Einheiten. Der Ford Ranger (Europas beliebtester Pickup) brachte es auf 272.000 Einheiten, Nissan Navara auf 129.000 und der einzig deutsche Konkurrent VW mit seinem Amarok immerhin auf 80.000 Einheiten. Somit muss man sich ernsthaft fragen was macht Mercedes hier falsch!?

Was läuft schief beim Mercedes-Pickup?

Dafür kommen tatsächlich mehre Gründe in Frage, also beginnen wir hier mal von Anfang an.
Der Ursprungsgedanke für die X-Klasse war, das Portfolio der Marke im leichten Nutzfahrzeugbereich zu erweitern und zugleich das Image zu schärfen. Und ja – die X-Klasse sollte als Premium Pickup im weltweit wachsenden Markt der sogenannten Ein-Tonnen-Pickups ordentlich mitmischen.
Tatsache ist hierbei jedoch, dass es sich bei diesem Fahrzeug nicht wirklich um einen echten Mercedes handelt. Vielmehr ist er ein technischer Zwilling des Nissan Navara und streng genommen auch der des Renault Alaskan, der bekannterweise ebenfalls auf dem Nissan Pickup basiert. Um Kosten für Entwicklung zu sparen, setzte Mercedes also ganz einfach und bequem auf die bereits vorhandene Technik des Wettbewerbers. Diesem verpasste man lediglich ein neues Außendesign und einen stärkeren Top-Diesel (V6), überarbeitete das Fahrwerk etwas und polierte den Innenraum auf – et voilà die X-Klasse ist geboren.
Dabei versteht es sich von selbst, dass man für ein Fahrzeug mit Stern etwas tiefer in die Tasche greifen muss, als beispielsweise für seine technisch verwandten Schwestermodelle – vielleicht hier etwas zu tief!?

Aktueller Preisvergleich (2019)

Mercedes X-Klasse:
X 220 d 4MATIC: ab 39.508 Euro
X 250 d 4MATIC: ab 40.520 Euro
X 350 d 4MATIC: ab 53.955 Euro

Nissan Navara: (fairness halber als Doppelkabiner)
Visia Double Cab: ab 31.930 Euro
Acenta Double Cab: 33.930 Euro
N-Connecta Double Cab: ab 38.440 Euro
Tekna Double Cab: ab 41.070 Euro
N-Guard Double Cab: ab 43.695 Euro

Renault Alaskan:
LIFE dCi 160: ab 37.378 Euro
Experiense dCi 190: ab 42.340 Euro
Intens dCi 190: ab 45.839 Euro

Kommen wir nun zur Vermarktung selbst. Durch den – sagen wir mal etwas stolzen Preis – hat man den Premium Pickup erst gar nicht auf dem amerikanischen Markt angeboten, da dieser hierfür schlichtweg zu teuer ist. Daimler-Finanzchef Bodo Uebber hat sich mal wie folgt geäußert: „Der Pick-up lässt sich preislich und kostenseitig in dem lateinamerikanischen Märkten nicht darstellen“. Okay, was ist dann aber mit den USA – „das Land der Pickup Trucks„? Nun, dafür sei die X-Klasse schlichtweg zu klein. An dieser Stell muss man sich allerdings dann fragen, warum der führende Pickup Hersteller Ford seinen kompakten Ranger in diesem Jahr wieder auf dem US-Markt einführt, dessen Produktion man im Jahr 2011 dort komplett einstellte!?
Letztendlich beschränkt sich der Hersteller hier also lediglich auf die Märkte von Europa, Australien und Südafrika. Wichtige Schlüsselmärkte (in diesem Segment) werden somit komplett übergangen.

Aber die Mercedes X-Klasse hatte auch immer wieder mit kleineren Qualitätsprobleme zu kämpfen, wodurch man den Pickup schon mehrfach zurück in die Werkstatt rufen musste. Zuletzt wegen einer lockeren Fußraumleuchte, die das Bremspedal zu blockieren drohte sowie eine fehlerhaften Anbauanweisung zur Nachrüstung einer Anhängerkupplung.

Hinzu kommt die derzeit allgemein schwierige Lage des schwäbischen Autobauers, welcher momentan an mehreren Fronten zu kämpfen hat – u.a. mit:

  • Abgas-Skandal
  • die Takata Airbag-Krise
  • Beeinträchtigung der Fahrzeugverfügbarkeit wegen verlangsamter Produktionsabläufe
  • schrumpfendem Automarkt
  • kostenintensiven Elektro-Investitionen

Laut Medienberichten soll daher der neue Daimler-Chef Ola Källenius harte Einschnitte angekündigt haben. Aussagen wie: „Wir werden das Portfolio überprüfen, um uns auf die vielversprechendsten Produkte zu konzentrieren„, lassen stark vermuten, dass diverse Modelle nun auf den Prüfstand kommen. Unter anderem hier auch die X-Klasse, die sich bisher nicht gerade als vielversprechend präsentierte.

Ob dies nun wirklich das Aus für die erst junge X-klasse bedeutet wurde bisher von offizieller Seite nicht bestätigt. Im Gegenteil, Markus Berben-Gasteiger, Managing Director Vans bei Mercedes-Benz Österreich soll sogar solche Meldungen dementiert haben, dass an diesen Gerüchten nichts dran sei. (Quelle: Flotte.at)
Bleibt also abzuwarten. Wir hoffen jedenfalls, dass uns der Premium Pickup von Mercedes erhalten bleibt und stattdessen der Hersteller mal über interne Veränderungen bzw. neue Strategien nachdenken würde. Schließlich boomt das Pickup-Segment – global gesehen – und es wäre fast schon beschämend, wenn ein Automobilhersteller wie Mercedes-Benz es nicht schaffen sollte, hier einen Fuß in die Türe zu bekommen.

Bild: © Daimler AG

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